Auf was kommt es Dir beim Improvisieren an?
Improvisation ist die ursprünglichste Form des Musizierens, die dem Menschen möglich ist. Sie war lange schon da, bevor nur irgendein menschliches Wesen überhaupt Noten aufgeschrieben hat. Notierte Stücke spielen kann (fast) jeder nach einer gewissen Übung, mehr oder weniger musikalisch und ausdrucksvoll. Was aber braucht man, um zu Improvisieren? Erstens: Die technische Beherrschung des eigenen Instruments. Zweitens: Kreativität und Ideen. Beides kann man trainieren, wenn man viel Musik hört und selbst ausprobiert. Bei mir waren die gehörten Meister die (Spät-)Romantiker, allen voran Mendelssohn, Tschaikowsky, Mahler und Bruckner. Drittens, und das ist die Verbindung aller vorigen Punkte: Man braucht den Drang, die Souveränität und die Frechheit, das im Inneren Gefühlte durch Musik ausdrücken zu wollen. Worauf es mir letztlich immer ankommt ist: Menschen mit meiner Musik zu berühren. Ob die Musik nun zweckgebunden einen Gottesdienst begleitet oder im Konzert erklingt, ist dabei einerlei. Musik ist Musik, egal in welcher Funktion. Sie ist wertfrei, und erst der hörende Mensch konstruiert ihre Nützlichkeit oder Schönheit aufgrund eigener Vorstellungen.
Warum ist Improvisation für Dich wichtig? Wieso improvisierst du überhaupt gern?
Ich persönlich kann vor allem in improvisierter Musik völlig ausdrücken, was ich fühle. Für mich ist das die direkte Möglichkeit, mein Empfinden in eine Sprache zu übersetzen und zu transportieren. Musik ist meine Seelensprache. Wenn mich viel beschäftigt, setze ich mich ans Klavier oder an die Orgel und spiele mich leer von Gefühlen oder Gedanken. Das ist ein ganz elementares Ventil, ohne das ich vielleicht irgendwann den Verstand verlieren würde.
Beim Improvisieren im Gottesdienst bin ich an eine äußere, liturgische Rahmenhandlung gebunden, die ich begleite. Das ist ein Dienst am Menschen und am Ritual. Hier sehe ich in erster Linie einmal die Menschen, die in die Kirche, in den Gottesdienst kommen, um etwas mitzunehmen. Dazu leiste ich meinen Teil mit der Musik. Und am spontansten kann ich auf das liturgische Geschehen mit der Improvisation eingehen: Stimmungen aufnehmen, in der Musik weitertragen, sie verändern, Atmosphären schaffen.
Im Konzert bin ich da natürlich freier als im Gottesdienst und kann mir mehr erlauben, weil ich keinem Zweck mehr dienen muss (wenngleich der Zweck als Beschränkung durchaus seinen Reiz hat). Improvisation lässt mir die Möglichkeit, fernab von dem schon zig mal Gehörten Neues zu schaffen, neue Musik zu erschaffen für den Augenblick, ohne sie erst auf Notenpapier komponiert zu haben. Diese Flüchtigkeit ärgert mich aber auch sehr oft, wenn ich eine Improvisation als besonders gelungen empfunden habe und sie ohne Spuren zu hinterlassen in den Äther verdunstet ist...
Wie gehst du vor, wenn du über etwas Bestimmtes improvisieren sollst?
Ich lasse mich von meinem Gefühl leiten. Meine Improvisationen sind durch die Assoziationen beeinflusst, die ich mit den jeweiligen Vorgaben verknüpfe. Improvisation besteht für mich aus einer Einheit und gegenseitigen Beeinflussung von Instrument, Raum, persönlicher Stimmung, äußerer Atmosphäre und gegebenem Thema. Jeder der genannten Faktoren kann inspirierend sein oder nicht. Eine Improvisation über ein bestimmtes Thema werde ich nachts allein in der leeren Kirche ganz anders spielen als an einem strahlenden Sommertag vor Publikum. Die Form der Improvisation entsteht quasi unter den Fingern, während des Spielens. Und das ist Improvisieren für mich immer: Ein spielerisches Ausprobieren dessen, was - in den meisten Fällen unbewusst - durch den Geist in die Finger strömt. Klingt das schön? Klingt das schräg? Entspricht das meiner Stimmung oder dem, was ich sagen will? (Oder im Gottesdienst: Wieviel Zeit habe ich noch, bevor der Pfarrer ungeduldig wird?) Im Spielen kann ich auf das Gespielte hören und es in die gewünschte Richtung korrigieren und lenken. Es ist immer ein Hinhören und Reagieren, ein Spielen im wahren und kindlichen Wortsinn.
(aus einem Interview mit Bernhard Eurich, 2010)